äHohe Preise und machtlose Politik? - Aktuelle Herausforderung der Energieversorgungô am 27.10.2022

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von Admin Admin


WESTIN GRAND, Arabellastra▀e 6, 81925 MŘnchen
(Google Maps)
19:00

Nachlese

zu einem Vortrag von

Dr. Andreas Kießling

Leiter Politik

Bayernwerk AG

 

„Hohe Preise und machtlose Politik? - Aktuelle Herausforderung der Energieversorgung“

 

Vortrag im WESTIN GRAND

Arabellastraße 6

81925 München

 

am Donnerstag, 27. Oktober 2022


Dr. Andreas Bachmaier, Präsident des Peutinger-Collegium e.V., stellt den Referenten des Abends vor. Dr. Andreas Kießling sei ein echter „Homo Politicus“. Er habe seine Karriere beim Zentrum für angewandte Politik an der LMU begonnen und bei E.On und Bayernwerk fortgesetzt. 2011 kam es nach Fukushima zum Atomausstieg und der Energiewende mit dem Ausbau der Erneuerbaren. Es entstand eine Abhängigkeit von Russland und hohe Energiepreise. Nun würde das Land voller Zuversicht in eine ungewisse Zukunft gehen. Man sei daher nun sehr gespannt auf aktuelle Einblicke durch Herrn Kießling.

Herr Kießling bedankt sich für die Einladung. Er beginnt mit einer Vorstellung von Bayernwerk. Der Stromnetzbetreiber verantworte ein Gasverteilnetz und die Bereitstellung von Energielösungen, etwa den Verkauf von Wallboxen für Elektroautos. Der Konzern decke 80% Bayerns ab. Dort in erster Linie die ländlichen Regionen. Herr Kießling kommt zu den aktuellen Herausforderungen. Er weist darauf hin, dass sich die Energiewirtschaft aktuell in einer umfassenden Transformation des Energiesystems von einem zentralen, auf fossilen und nuklearen Stromerzeugungskapazitäten basierenden zu einem dezentral-regenerativen Versorgungssystem befinde. Maßgeblich dabei sei das Energiepolitische Dreieck: Bezahlbarkeit – Umweltverträglichkeit – Versorgungssicherheit. Derzeit beschäftige ihn vor allem die Bezahlbarkeit. Der Gaspreis sei extrem volatil. Er sei relevant für den gesamten Sektor, denn Gaskraftwerke würden den allgemeinen Strompreis bestimmen. Die Politik der Bundesregierung zeige eine erste Reaktion des Marktes. Der Gaspreis sinke nun wieder. Grundsätzlich stelle sich mit extremen Energiepreisen allerdings zunehmend auch eine soziale Frage. Eine ähnliche Entwicklung sei für den Strompreis zu konstatieren, der letztendlich durch das sogenannte Merit-Order-Prinzip beim Großhandelspreis für Gas bestimmt werde: Das letzte und teuerste Kraftwerk, das zur Stromversorgung benötigt wird, setzt den finalen Preis an der Börse – in der Regel seien das Gaskraftwerke. Die hohen Energiepreise seien somit zu einem wettbewerbsrelevanten Faktor geworden, der zahlreichen Unternehmen extreme Sorgen bereitet, zum Beispiel in der Glasindustrie.

Allerdings: Weder die angekündigte Gaspreis- noch die Strompreisebremse seien bisher gesetzlich geregelt. Das mache es für die Energiewirtschaft schwer. Weiter bleibt eine Unsicherheit. Es sei beispielsweise noch nicht absehbar, welche „Schrauben“ des Marktes sich durch die Gaspreisbremse unerwartet zu drehen beginnen. So würden durch den sinkenden Gaspreis nun bereits einige Industriekunden von Öl auf Gas umsteigen. Die weiteren Folgen seien unklar. Die Strompreisbremse sei in Ihrer Mechanik noch komplizierter. Diese hohe Unsicherheit führe dazu, dass Energiekonzerne wie Bayernwerk selbst keine Kenntnis über die Regeln haben würden, die sie bereits in einigen Wochen ausführen müssten. Die aktuellen Füllmengen der Gasspeicher stimmen Herrn Kießling mit Blick auf die Versorgungslage im Winter zuversichtlich. Deutschland und Bayern kämen wohl gut durch den Winter. Die Bundesregierung sei nun allerdings gefordert, die Situation durch bilaterale Abkommen für Gasspeicher in Grenznähe zusätzlich abzusichern. Die zentrale Frage sei: Wie kalt wird der Winter? Analysen hätten laut Herrn Kießling gezeigt: Extreme klimatische Szenarien könnten die Versorgungssicherheit gefährden. Dabei müsse auch der nächste Winter berücksichtigt werden. Sollten die Gasspeicher zum Frühjahr 2023 entleert sein, stehe man vor der nächsten großen Herausforderung. Im Folgenden kommt Herr Kießling zu einer Sorge, die in der Öffentlichkeit häufig thematisiert wird: Der Blackout. Auch hier würden Analysen zeigen: In einigen Fällen könne es zu sogenannten „Lastenunterdeckungen“ kommen.

Grundsätzlich müsse das Bayernwerk-Stromnetz als wellenartiges Flächenkraftwerk gesehen werden. Es sei geprägt durch Photovoltaikanlagen. Daher speise Bayernwerk Überschüsse an sonnigen Tagen in das europäische Stromnetz ein. Nachts und an bewölkten Tagen sei man darauf angewiesen, Strom aus dem europäischen Netz zu beziehen. Die Herausforderung sei nun, diese Engpässe ohne Gas- und Atomkraft langfristig zu überbrücken. Bayernwerk investiere deshalb von 2020 bis 2025 über 4 Mrd Euro in Baumaßnahmen, um den Strom weiterhin zum Kunden zu bringen. Das Ziel sei ein klimaneutrales Stromnetz für Bayern. Die energetische Entwicklung der Landkreise in Bayern zeige zudem ein klares Muster: Städte wie München ziehen Strom aus dem Netz, während es auf dem Land zu Energieüberschüssen kommt.

Abschließend präsentiert Herr Kießling die energiepolitischen Forderungen von Bayernwerk. Erstens, die Erstellung eines konkreten Umsetzungskonzeptes für ein klimaneutrales Bayern. Wichtige Fragen dabei seien: Wie viel Energie wollen wir heimisch erzeugen? Wie viel Energie wollen wir importieren? Woher wollen wir sie importieren? Welche Infrastruktur brauchen wir dafür? Zweitens, eine Entfesselungspolitik für die Netzinfrastruktur. Hier gelte es, die Hürden für Erneuerbare Energien bei der Anbindung an die Netzinfrastruktur zu senken. Drittens, eine konsequente „grüne“ Regulierung. Während große Bauprogramme zur Förderung der Erneuerbaren Energien politisch gewünscht seien, sorge die Bundesnetzagentur für Kostendruck. Für eine erfolgreiche Energiewende sei es wünschenswert, dass Kostenanerkennung und Auftrag aus einer Hand stammen.

Diskussionsrunde:

Frage: Welche politischen Regelungen könnten zur Förderung des Ausbaus der Erneuerbaren verändert werden?

Herr Kießling: Das Thema ist komplex. Die grundsätzliche Frage ist: Wollen wir Einzelfallgerechtigkeit? Alternativ müsse man den Fokus auf die Umsetzung legen. Ein Beispiel ist das Aufstellen von Masten. Für jeden einzelnen muss ein Planfeststellungverfahren eröffnet werden. Hier in Bayern muss man sich fragen, wie viele erneuerbare Energiequellen sollen geschaffen werden? Wichtig dabei ist, die Bürger mitzunehmen. Denn klar ist: Die Energiewende wird die Landschaft verändern. Zudem sehe ich auch ganz klar operative Herausforderungen, beispielsweise bei der Suche nach Dienstleistern oder Fachkräften.

Frage: Hat die Gesetzgebung die Komplexität der Märkte unterschätzt?

Herr Kießling: Mit Blick auf das Merit-Order-Prinzip möchte ich mich an keiner Fundamentalkritik beteiligen. Dieses Prinzip hat uns in der Vergangenheit sehr günstige Strompreise beschert. Ein Vorteil der Solarenergie ist: Sie hat keine Einsatzkosten. An sonnigen Tagen erzielen wir damit einen Strompreis von Null oder weniger. Wenn es dunkel wird, steigt er. Diese starken Schwankungen machen das Merit-Order-Prinzip deshalb perspektivisch unmöglich. Langfristig brauchen wir ein ergänzendes System.

Frage: Sind Energiespeicher die Lösung?

Herr Kießling: Sie sind absolut notwendig. Speicher sind unsere Flexibilitätsoptionen für Schwankungen zwischen Tag und Nacht und während der unterschiedlichen Jahreszeiten.

Frage: Wie ist ihre Prognose über den Strombedarf im Süden Deutschlands, der aus dem Norden bezogen werden muss?

Herr Kießling: Grundsätzlich gilt für die Netzplanung: Hochenergiestandorte werden immer Zusatzstrom brauchen.

Frage: Wie lange können die Gasspeicher den Bedarf in Deutschland decken?

Herr Kießling: In einem normalen Winter etwa zwei Monate lang.

Frage: Wieso hat die Politik nicht früher auf LNG gesetzt?

Herr Kießling: Weil diese Bezugsquelle teurer ist. Der Gaspreis wird sich langfristig auf einem höheren Niveau einpendeln. Deutschland hatte da lange Zeit einen Standort- und Wettbewerbsvorteil über die Gaspipelines. Spanien musste beispielsweise schon lange auf LNG setzen.

Frage: Wo gibt es noch Potenziale bei den vorhandenen Energiequellen?

Herr Kießling: Bei Wasserkraft hat man die Chance auf weitere Steigerungen. Diese Energiequelle hat den Vorteil, dass sie auch im Winter ohne Abstriche funktioniert. Zudem birgt die Windenergie ein enormes Potenzial, vor allem in Nordbayern.

Frage: Wie schützen Sie sich vor Hackern?

Herr Kießling: Es gibt täglich Angriffe, deshalb sind unsere Systeme professionell geschützt. Die Anschläge auf Nordstream 2 beunruhigen uns. Wir verfolgen dieses Thema weiter.

Frage: Können E-Autos einen Beitrag zur Stromeinspeisung leisten?

Herr Kießling: Das sogenannte bidirektionale Laden ermöglicht nicht nur das Aufladen von E-Fahrzeugen, sondern auch das Beladen des Hausstromnetzes. Die Zukunft wird zeigen, ob sich das als tragfähiges Modell etabliert.

Frage: Ist das klimaneutrale Netz machbar?

Herr Kießling: Das wollen wir bis 2030 erreichen. Wir beschäftigen uns jetzt mit der Frage, wie wir die Schwankungen in der Stromverfügbarkeit ausgleichen können. Für die Umsetzung brauchen wir dringend zusätzliche Unterstützung durch Fachkräfte aus dem Ausland.

Herr Bachmeier bedankt sich für die spannenden Einblicke durch Herrn Kießling.

Die Veranstaltung schloss mit einem Verweis auf die kommenden Veranstaltungen.


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