‘Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen’ am 26.11.2020

Zeit:
19:00
Beschreibung:

Nachlese

zu einem Vortrag von

Katharina Nocun
Bürgerrechtlerin, Netzaktivistin und studierte Ökonomin

"Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen"

26.11.2020


Nachdem Präsident Christian Geissler die Mitglieder des Peutinger-Collegiums sowie einige Gäste begrüßt hatte, ehrte er Dr. Wolf Eichner, der nach über 30-jähriger Mitgliedschaft aus dem Collegium aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden musste. Zum Ende seiner Mitgliedschaft überreichte der Präsident ihm einen Ehrenteller mit Gravur, aus Anerkennung und Dankbarkeit.

Im Anschluss stellte Silke Hein die Referentin vor: Katharina Nocun wurde 1986 im polnischen Tychy geboren. Sie studierte Politik und Wirtschaft in Münster, sowie den internationalen Studiengang Politics, Economics and Philosophy an der Universität Hamburg. Die deutsch-polnische Netzwerkaktivistin und Bloggerin trat im Jahr 2012 der Piratenpartei Deutschland bei und wurde wenig später zur politischen Geschäftsführerin gewählt. Im Jahr 2016 ist sie wieder aus der Piratenpartei ausgetreten. Eine breite Bekanntheit hat sie unter anderem durch ihr Buch „Die Daten, die ich rief“ erlangt, in dem sie darstellt, wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen. Außerdem hat Nocun zusammen mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty das Buch „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ geschrieben.    

Verschwörungstheorien - Allgemein

Nicht erst seit der Vernetzung der Welt durch das Internet oder der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika sind Falschbehauptungen und Verschwörungstheorien wieder en vogue. QAnon, Deep-State und krebsverursachende Windräder sind nur einige Beispiele aus dieser konfusen, oft auch grotesken, Gedankenwelt.

Katharina Nocun beginnt ihren Vortrag mit dem Wesentlichen: Einer klassischen Begriffsdefinition von Verschwörungstheorien, mit der sie auf die universelle Kultur und geschichtliche Omnipräsenz dieser Phänomene hinweisen möchte. 

„Eine Verschwörungserzählung ist eine Annahme darüber, dass eine als mächtig wahrgenommene Einzelperson oder eine Gruppe von Menschen wichtige Ereignisse in der Welt beeinflussen und damit der Bevölkerung gezielt schaden, während sie diese über ihre Ziele im Dunkeln lassen.“

Zunächst geht es um die Annahme, wie die Welt um uns herum gestaltet ist. Es werden Erklärungsmuster gesucht, um die komplexen Muster zu vereinfachen und greifbar zu machen. Im Zentrum stehen dabei oft sehr reiche, mächtige Personen als Protagonisten oder Drahtzieher, die in der Wahrnehmung systematisch überhöht werden. Die Freimaurer, Juden oder Bill Gates sind nur einige der Feinbilder, die diese Mythen dominieren. Im nächsten Schritt verbinden Verschwörungsideologen die vermeintlichen Protagonisten mit Ereignissen, die die Gesellschaft als kollektiv wichtig wahrnimmt, wie Attentate, Terroranschläge oder Amokläufe.

Corona als Katalysator für die Verbreitung von Verschwörungstheorien    

Die Corona-Pandemie bedingt zurzeit die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Laut Nocun sind „viele der Akteure, die gerade lautstark auf Verschwörungserzählungen hinweisen […], Altbekannte.“ Es existiert bereits seit langer Zeit eine starke Remix-Kultur im verschwörungsideologischen Milieu, die im Zuge der Corona-Krise sehr schnell umgeschwenkt ist und bereits existierende Themen adaptiert hat: 5G, israelischer Geheimdienst, Biowaffen.

Vor diesem Hintergrund hebt Nocun besonders hervor, dass diese „Verschwörungserzählungen an existierende Feindbilder andocken und vor allem im politischen Bereich eine große Rolle spielen.“ Dahingehend wird auf länderspezifische Eigenheiten hingewiesen, die nicht erst seit dem Beginn der Krise existieren, sondern teilweise tiefe historische Wurzeln haben. China sieht die USA hinter dem Ausbruch, die USA China. In anderen Ländern existiert die Vorstellung, dass der israelische Geheimdienst den Virus freigesetzt hat – das klassische antisemitische Feindbild.

Verschwörungstheorien - Individuell

Hier steht die Frage im Mittelpunkt, warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Auslöser sind zumeist belastende Lebenssituationen wie Jobverlust, Trennung oder Krankheit. Es ist nicht schwer zu erraten, dass gerade die Corona-Pandemie ein perfekter Nährboden ist, da zu alltäglichen Sorgen noch ein eingeschränkter sozialer Kontakt oder auch wirtschaftliche Bedenken addiert werden.

Katharina Nocun erläutert, dass es vielen Menschen in dieser Situation schwerfällt anzuerkennen, dass eine geringfügige Mutation eines Virus dieses globale Chaos auslösen kann. In sozialen Gruppen – ob real oder virtuell – finden Menschen Anschluss und bauen Netzwerke auf. Der Glaube an einen Verschwörungsmythos, der hinter der Pandemie steckt, vereint die verschiedenen „Gläubigen“, die zusammen ein wichtiges menschliches Bedürfnis stillen: „Wir sind erleuchtet, weil wir die Wahrheit kennen, alle anderen sind dumm.“ In Risikogruppen, die an diesen Netzwerken teilnehmen, sind laut Nocun Männer etwas anfälliger für Verschwörungstheorien, wobei narzisstische Tendenzen eine Rolle spielen können.  Außerdem Menschen mit niedrigerem formellem Bildungsgrad, Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen oder Angehörige rechtsradikaler Kreise können dazuzählen. Aber generell zieht sich dieses Phänomen quer durch die ganze Gesellschaft – vom Arzt, über die Rentnerin, zum arbeitslosen, alleinerziehenden Vater bis in unsere Universitäten.   

Wie gehen wir mit Verschwörungstheoretikern um?

Gegen Ende des Vortrages gibt Katharina Nocun Handlungs- und Gesprächshinweise, wie wir auf Verschwörungstheoretiker zugehen können – und sie vielleicht umstimmen. Die sozialpsychologischen Herangehensweisen fußen auf ihren umfassenden Erfahrungen aus Recherchen und Studien. Hier dreht sich alles um zwei wichtige Fragen:

  • ·      Wie fange ich an?

Gegenrede, Faktenchecks, Diskussionen unter vier Augen – das Umfeld hat die größten Chancen

  • ·      Was kann ich tun?

Sachlich bleiben, Gemeinsamkeiten suchen, Anführer korrigieren und nicht Gläubige, Perspektivenerweiterung, Emotionale Ebene bedenken

Im Anschluss an ihren Vortrag stand Katharina Nocun für eine angeregte Fragerunde zur Verfügung, in der sowohl Implikationen von Verschwörungstheorien auf politischer Ebene als auch der individuelle Umgang mit Menschen im direkten persönlichen Umfeld angesprochen wurde. Vielen Dank für diesen erhellenden Vortrag und die lebhafte Diskussion!

Freundliche Grüße

Christian Geissler

Präsident des Peutinger-Collegium e.V.

 

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