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Dr. Thomas Ehm, Chief Executive Officer, Premium AEROTEC GmbH (Airbus)

Vortrag zum Thema: „Luftfahrt – Quo vadis? – Gegenwart und Zukunft der Luftfahrtindustrie“

Mittwoch, 12. August 2020, Westin Grand Hotel München

 

Am Mittwoch, 12. August, fand die zweite Veranstaltung des Peutinger-Collegiums im Hybrid-Format statt: Rund zehn Personen waren im Westin Grand vor Ort, während circa 50 weitere Zuhörer den Vortrag von Dr. Thomas Ehm per Livestream am Bildschirm verfolgten.

Christian Geissler, Präsident des Peutinger-Collegiums, führte durch den Abend und stellte zunächst den Referenten vor: Dr. Thomas Ehm studierte im Rahmen seiner Offizierslaufbahn Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität der Bundeswehr in München. Nach verschiedenen Stationen bei Airbus ist er seit Juli 2015 Vorsitzender der Geschäftsführung von Premium AEROTEC, einer hundertprozentigen Tochter der Airbus Group. Dem Peutinger-Collegium gab Ehm einen spannenden Einblick in die Arbeit der Premium AEROTEC sowie in die aktuelle Situation der Luftfahrtbranche.

Die Corona-Pandemie hat die Welt der Luftfahrt verändert

„Als ich im letzten Jahr zu diesem Vortrag eingeladen wurde, waren wir in einer anderen Welt“, beginnt Dr. Thomas Ehm seinen Vortrag. „Von dem, was ich mir damals überlegt hatte, dem Peutinger-Collegium zu erzählen, ist heute nicht mehr viel übrig geblieben.“ Die Corona-Pandemie habe die Luftfahrt um einige Jahrzehnte zurückgeworfen – und das spüre auch Premium AEROTEC.

Premium AEROTEC entwickelt und fertigt modernste Flugzeugstrukturen aus Aluminium, Titan und Kohlenstofffaserverbundwerkstoffen für die gesamte Airbus-Flotte. Mit rund 9.000 Mitarbeitern an sechs Standorten in Deutschland und Rumänien und mit über 2 Milliarden Euro Umsatz ist das Unternehmen einer der größten Aerostrukturbauer der Luft- und Raumfahrtbranche weltweit. „In jedem Airbus finden Sie Komponenten, die wir gefertigt haben: den Fußboden beispielsweise oder das Rumpfsegment“, veranschaulicht Ehm. Insgesamt stellt Premium AEROTEC über 100.000 unterschiedliche Teile her. 90 Prozent der Kunden stammen aus der zivilen, 10 Prozent aus der militärischen Luftfahrt.

Auswirkungen der Corona-Krise

Anschaulich beschreibt Ehm, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die Luftfahrtbranche hat: Fast 14.000 Passagiermaschinen sind während des Lockdowns am Boden geblieben – ein Großteil ist immer noch nicht wieder gestartet. Ehm selbst erinnert sich an einen Besuch am Münchner Flughafen Anfang Mai: „Dieses Bild werde ich nicht vergessen. Der Flughafen glich einer Geisterstadt, denn statt der üblichen 1000 täglichen Flugbewegungen gab es nur 15.“ Weltweit leiden die gesamte Luftfahrt und die von ihr abhängige Industrie unter den Einbußen. „Wie soll man in dieser Zeit Flugzeuge verkaufen?“, fragt Ehm.

Premium AEROTEC selbst hat schnell auf die Pandemie reagiert. Im Unternehmen gab es nur wenige Infektionsfälle. Ehm erklärt:

„Wir konnten dank der Erfahrungen unserer chinesischen Kollegen in kürzester Zeit ein Hygienekonzept umsetzen. Unter unseren Mitarbeitern gab es lediglich 13 Infizierte – und diese haben sich nicht innerhalb unseres Betriebs angesteckt.“

Auch mit Blick auf die ins Wanken geratenen Lieferketten fand Premium AEROTEC schnell Lösungen. Deswegen konnte die Fertigung bis Mitte Mai aufrechterhalten werden. Aktuell fehlen jedoch rund 40 Prozent der üblichen Produktionsleistung. Um gut durch die Krise zu kommen, beantragte Premium AEROTEC Kurzarbeit.

Dass die Luftfahrtbranche durch die Corona-Pandemie in eine Krise geraten sei, ist laut Ehm jedoch nur die halbe Wahrheit: „Schon seit einigen Jahren stehen wir zahlreichen Herausforderungen gegenüber. Dazu gehören die zerklüftete Marktstruktur im Bereich der Zulieferer, die Digitalisierung und der anhaltende Wettbewerb zwischen Boeing und Airbus.“ Diese Themen hätten die Kostenstrukturen in der Branche bereits unter Druck gesetzt. Durch die Corona-Pandemie sei die Restrukturierung des Marktes nun noch wichtiger, so Ehm.

Die Krise als Chance?

Beim Ausblick in die Zukunft ist Ehm nur vorsichtig optimistisch: „Im besten Fall gibt es im nächsten Jahr einen Impfstoff. Aber selbst dann glaube ich nicht daran, dass alles wieder so wird wie vor der Pandemie“, sagt er. „Corona betrifft nicht nur die Gesundheit; die außergewöhnliche Situation hat für viele als eine Art Augenöffner gewirkt.“ So werde sich Ehms Ansicht nach beispielsweise die Meeting-Kultur dauerhaft vermehrt ins Digitale verschieben, wodurch Flugreisen entfallen. Auch die Urlaubsgewohnheiten sieht Ehm im Wandel, denn viele Reisende hätten in der Krise die Schönheit des eigenen Landes entdeckt. Hinzu komme die Klimawandel-Thematik, der sich die Luftfahrtbranche stellen müsse.

Angesichts dieser Themen prognostiziert Ehm, dass die Airlines ihre Flotten in den nächsten Jahren zwar nicht aufstocken, aber modernisieren, um nachhaltiger und wettbewerbsfähiger zu werden. „Große Flugzeuge wie ein Airbus A380 werden in den nächsten Jahren nicht mehr voll besetzt sein und somit nicht mehr rentabel fliegen“, sagt Ehm und sieht hier einen Vorteil für Airbus: „Was kleine, sparsame Maschinen mit hoher Reichweite angeht, ist Airbus gut aufgestellt. Aber um konkurrenzfähig zu bleiben, dürfen wir jetzt nicht sparen, sondern müssen weiter in Innovationen investieren.“

Unterstützung hierfür wünscht Ehm sich auch vonseiten der Politik, die beispielsweise Anreize für die Modernisierung der Flotten schaffen könnte – auch um dem Klimawandel zu begegnen. Erklärtes Ziel sei es immerhin, dass bis 2050 alle EU-Flugzeuge CO2-neutral fliegen. Die Technologieentwicklung sollte in Deutschland weiter gefördert werden, um sowohl in der zivilen als auch in der militärischen Luft- und Raumfahrt souverän zu bleiben. Die Krise sieht Ehm insofern auch als Chance:

„Wir haben jetzt die Chance, das, was wir sowieso hätten tun müssen, früher zu tun. Die Krise hat viele Veränderungsprozesse beschleunigt. Es hilft nichts, wenn wir zurückblicken – wir müssen nach vorne schauen und auf ‚das Andere’ hinarbeiten. Wenn Politik, Gesellschaft und Wirtschaft an einem Strang ziehen, gehen wir gestärkt aus der Krise heraus.“

 

Online-Diskussion

Nach dem Vortrag hatten die Zuhörer die Möglichkeit, Dr. Thomas Ehm ihre Fragen zu stellen. Sowohl die Gäste vor Ort als auch diejenigen, die per Online-Konferenz zugeschaltet waren, beteiligten sich mit einem breiten Spektrum an Fragen an der Diskussion.

 

Bei Airbus gab es im letzten Jahr einen Führungswechsel: Vorstandschef ist jetzt ein Franzose, Verwaltungsratsvorsitzender ein Deutscher. Wie läuft die Zusammenarbeit bisher?

Dr. Thomas Ehm: Die Zusammenarbeit ist nach wie vor gut. Für uns hat sich nicht viel verändert. Bei Airbus denken wir weniger in Nationen, wichtig ist, dass wir konstruktiv zusammenarbeiten.

 

Herr Ehm, Sie haben die zerklüftete Marktlandschaft angesprochen. Dass Premium AEROTEC mit circa 6 Prozent Marktanteil weltweit unter den Top 3 der Zulieferer ist, veranschaulicht diese Marktstruktur. Wie kann das langfristig funktionieren?

Der Markt hat sich so entwickelt, weil jedes Land wichtige Teile und Technologien natürlich selbst herstellen will. Langfristig wird es für viele kleinere Unternehmen aber schwer werden. Gerade in einer Krise ist die Gefahr groß, dass einzelne Zulieferer unkontrolliert wegbrechen, was Folgen für die globalen Lieferketten hätte. Deswegen wird sich nun ein Koordinator anschauen, wie sich möglicherweise eine Konsolidierung umsetzen lässt.

 

Wäre es eine Lösung, die Zulieferer ins eigene Unternehmen zu integrieren?

Diese Frage haben wir uns auch oft gestellt. Wir produzieren schon viele Teile selbst und eine Ausweitung der Eigenproduktion würde die Kostenstrukturen herausfordern. Zudem haben die Zulieferer oft mehr Kapazitäten. Deswegen schauen wir sehr genau, wo es sinnvoll ist, ein Teil selbst zu produzieren, und was sich im Sinne der Best-Cost-Strategie einkaufen lässt.

 

Was machen die Wettbewerber aus China, der Türkei oder Indien anders?

Unsere Wettbewerber agieren in einem anderen politischen Umfeld: Sie erhalten klare Vorgaben vom Staat, wie sich die Luftfahrt in den nächsten Jahren zu entwickeln hat. Für diese Ziele stellt die Politik die Finanzierung und die notwendigen Ressourcen, wie beispielsweise Grundstücke. Ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen kann sich eine solche Herangehensweise nicht leisten.

 

Airbus unterhält Standorte in ganz Europa. Wäre es nicht sinnvoll, diese zu einem Standort zusammenzuführen?

Entwicklung und Produktion verlaufen bei Airbus sehr komplex. Jeder Standort vertritt eine spezifische Kompetenz, die auch verstärkt gefördert wird. Ich sehe derzeit keinen Grund, warum man das ändern sollte. Lokal präsent zu sein hat auch Vorteile. Das sehen wir in den USA und in China, wo die Aufträge gestiegen sind, seit wir dort Produktionslinien aufgebaut haben.

 

Die Luftfahrtbranche hat schon viele Krisen erlebt, wie die Ölkrise oder 9/11. Doch danach wollten die Menschen immer wieder reisen. Was lässt Sie annehmen, dass das nach der Corona-Krise nicht der Fall sein wird?

Die bisherigen Krisen waren anders, sie hatten eher kurzfristige Auswirkungen. Die Corona-Krise hingegen beeinflusst meiner Meinung nach langfristig die Einstellungen und das Verhalten der Menschen. Die Angst davor, mit vielen Menschen in einem engen Flugzeug zu reisen, sitzt tief. Ich glaube schon, dass wir die Passagierzahlen aus der Zeit vor Corona wieder erreichen werden – aber das wird deutlich länger dauern als nach den bisher erlebten Krisen.

 

Bei der Lufthansa ist kürzlich der Staat eingestiegen. Erhofft sich auch Premium AEROTEC staatliche Unterstützung?

Luftfahrtförderungsprogramme, mit denen der Staat Entwicklungen unterstützt, gab und gibt es bereits. Diese könnten in der aktuellen Situation meiner Meinung nach erhöht werden, da derzeit die notwendigen Eigenmittel in Höhe von 50 Prozent fehlen. Im Allgemeinen bin ich kein Freund von Verstaatlichung. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir im Bereich der militärischen Luft- und Raumfahrt auch staatliche Zwecke erfüllen.

 

Herr Ehm, denken Sie, dass sich das Design der Flugzeugkabine durch die Corona-Pandemie verändern wird?

Ich gehe nicht davon aus, dass Veränderungen an der Kabine vorgenommen werden. Studien haben gezeigt, dass die Filter und die Luftzirkulation in der Kabine sehr gut sind und zusammen mit dem Mund-Nasen-Schutz ausreichend vor einer Corona-Infektion schützen.

 

Die Raumfahrtfirma Virgin Galactic hat kürzlich angekündigt, an einer Supersonic zu arbeiten. Wie stehen Sie zu Überschallflugzeugen?

Eine Studie hat berechnet, dass man selbst bei 20 bis 30 Prozent höheren Ticketpreisen für einen Überschallflug, mindestens 300 Flugzeuge bauen müsste, um rentabel zu produzieren. Da Überschallflüge aber nur auf begrenzten Routen möglich sind, sehe ich keinen Markt dafür. Was ich mir vorstellen könnte, wären kleine Supersonics für maximal 20 Passagiere, zum Beispiel für Geschäftsreisende. Mir ist aber nicht bekannt, dass irgendein Flugzeugbauer etwas Derartiges plant.

 

Elon Musk verfolgt mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX ehrgeizige – manch einer würde sagen: verrückte – Ziele. Herr Ehm, was dürfen wir von Airbus auf diesem Feld in den nächsten Jahren erwarten?

Es stimmt, viele haben Musks Ideen als Spinnereien belächelt. Doch inzwischen hat er uns bewiesen, dass es möglich ist, eine Weltraumrakete auf einer Bohrplattform zu landen. Daraus sollten wir lernen, dass es ein Fehler ist, sich allein auf gut laufende Produkte zu fokussieren und dabei die Innovation zu vernachlässigen. Was Musk macht ist aus technologischer Sicht faszinierend – und er weckt Begeisterung für die Raumfahrt. Airbus hat gute Produkte und Ideen. Wir müssen hier jedoch auch in die Zukunft denken und an den Trends dranbleiben.

 

Wir danken Dr. Thomas Ehm für den spannenden Einblick in die Luftfahrbranche und die Beantwortung unserer Fragen.