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Unter dem Titel „Chancen eines Gesellschafterwechsels – Rückblick auf zwei Jahre Erfahrung mit einem chinesischen Gesellschafter“ hielt Michael Bentlage, Vorsitzender des Vorstands des Bankhauses Hauck & Aufhäuser, jüngst einen Vortrag vor dem Peutinger Collegium und – in der Zahl durchaus erwähnenswerten – 26 weiteren Gästen im Hotel Bayerischer Hof.

Hauck & Aufhäuser ist ein auf Vermögensverwaltung spezialisiertes Bankhaus mit 726 Mitarbeitern an acht Standorten in Deutschland, Luxemburg, der Schweiz und in Großbritannien, das seit rund 220 Jahren besteht. Die vier Kerngeschäftsfelder sind heute Private Banking, Asset Management, Investment Banking sowie Asset Servicing. Das Bankhaus, das zuletzt eine Bilanzsumme von 4,9 Milliarden Euro sowie eine Kernkapitalquote von 18 Prozent auswies, wurde 2016 von der chinesischen Fosun Gruppe übernommen.
In Shanghai 1992 von vier Studenten mit einem Startkapital von 6000 US-Dollar gegründet, verfügt Fosun heute über einer Marktkapitalisierung von rund 13 Milliarden Euro und investiert in unterschiedlichste Branchen von Bankenwesen über Pharma und Tourismus bis Mode. Die Fosun Gruppe hält über 150 Beteiligungen weltweit, unter anderem an Fidelidade, Millennium BCP, Thomas Cook oder Tom Tailor.
Im Jahr 2016 trat die Fosun Gruppe mit einem Übernahmeangebot an den Aufsichtsrat von Hauck & Aufhäuser heran.  „Die Fosun Gruppe versucht, Ökosysteme zu bauen“, so Bentlage und nannte ein konkretes Beispiel: „Wer schon einmal in Dubai war, kennt das Hotel Atlantis. Fosun hat auf der Insel Hainan, dem chinesischen Gegenstück zu Hawaii, ein zweites gebaut: größer und moderner als das erste. Club Med, ein Unternehmen, das zur Fosun Gruppe gehört, wird Betreiber, Tom Tailor und andere Marken, an denen die Fosun Gruppe beteiligt ist, haben dort ihre Läden, und Thomas Cook, ebenfalls Teil der Fosun Gruppe, hat eine Direktverbindung von London auf die Insel eingerichtet, um europäische Touristen dorthin zu bringen.“ Eine Strategie demnach, die übrigens zu wirken scheint: Der Buchwert der Fosun Gruppe wächst pro Jahr aktuell um 14,3 Prozent. Ein Wachstum, mit dem auch die direkte Konkurrenz der Gruppe nicht mithalten kann.

Die Situation für die deutschen Banken, so Bentlage, sei dagegen seit einigen Jahren schwierig, vor allem für kleinere Bankhäuser. Hintergrund seien ebenso politische Faktoren, darunter Regulierungsdruck oder Transparenzvorschriften, wie sozio-kulturelle Faktoren (Digitalisierung, mangelndes Vertrauen, veränderte Kundenbedürfnisse), ökonomische Faktoren (anhaltendes Niedrigzinsumfeld, Kostendruck, Bewusstsein für Asset-Allokation und Produktpreise) sowie technologische Faktoren (Usability und intuitive Handhabung, zunehmend automatisierte Portfoliomanagementprozesse, Einsatz von künstlicher Intelligenz). Bentlage: „Meine Aufgabe ist es, dass eine Bank wie Hauck & Aufhäuser trotz des massiven Drucks auch in den kommenden Dekaden bestehen kann – und nicht als eine Abteilung in eine der Großbanken eingegliedert wird.“

Während die Fosun Gruppe durch eine Beteiligung an Hauck & Aufhäuser Zutritt zum europäischen Finanzmarkt bekäme und vom Knowhow des Bankhauses profitieren könnte, würde Hauck & Aufhäuser vom internationalen Netzwerk der Gruppe profitieren und erhielte – wenn auch mit Abstrichen – einen Zugang zum chinesischen Markt. So die Überlegungen, die, laut Bentlage, dem Geschäft vorausgegangen waren. Und ein Blick auf die Bilanzen zeigt: Für Hauck & Aufhäuser scheint sich der chinesische Gesellschafter zu lohnen. Die angesprochene Kernkapitalquote von 18 Prozent lag vor dem chinesischen Engagement zum Beispiel noch bei 12 Prozent – und Bentlage gibt aufgrund des starken chinesischen Gesellschafters ein wenig bescheidenes Ziel aus: Hauck & Aufhäuser soll in fünf Jahren eine der drei Privatbanken in diesem Marktsegment in Deutschland sein. Zudem bemüht man sich gegenwärtig um eine Finanzdienstleistungslizenz in Hongkong.

Im Bankhaus Hauck & Aufhäuser hatte man zuvor keine Erfahrungen mit Chinesen, so Bentlage: „Beim ersten Treffen redete der CEO von Fosun auf Chinesisch auf uns ein, was der Übersetzer danach ins Englische übersetzte. Das war schon sehr befremdlich für uns“. Überraschend auch das zweite Meeting, dieses Mal mit dem Chairman der Gruppe. Auf die Frage, was seine Strategie für Europa sei, antwortete er laut Bentlage: „Wir sitzen in Shanghai, Sie sitzen in Europa. Also sagen Sie es mir!“ Fosun habe sich in der Zwischenzeit extremschnell internationalisiert. Die Kolleginnen und Kollegen, mit denen Bentlage zu tun habe, wiesen, sagt er, „allesamt eine hochkarätige akademische Ausbildung sowohl an chinesischen wie auch westlichen Universitäten aus“. 

Und auch der Workflow habe sich spürbar geändert, so Bentlage: „Wir schreiben keine Mails mehr, sondern die Fosun Gruppe hat eine eigene App, mit der Termine vereinbart werden, in der gechattet und in Gruppen über Themen diskutiert wird - eine sehr direkte Kommunikation. Ich kann jederzeit mit dem CEO kommunizieren, ohne über Bereichs- oder Abteilungsleiter gehen zu müssen. Damit ist die Kommunikation deutlich schneller als in jedem deutschen Unternehmen.“
Spürbar sei auch eine neue Energie im Bankhaus: „Mit den Chinesen hat eine Bewusstseinsveränderung stattgefunden. Ich bin seit 2009 dabei, also mitten in der Finanzkrise gewechselt, und die Jahre bis 2015 waren davon gekennzeichnet, dass wir Tochtergesellschaften geschlossen und Geschäftsbereiche eingestellt haben. Alles war gepolt auf Reduzierung. Seit Fosun der Gesellschafter ist, hat sich das gedreht: Seitdem reden wir nur noch über effizientes Wachstum. Dadurch hat sich auch die Einstellung verändert, mit der man morgens zur Arbeit geht.“ Die Situation der Mitarbeiter habe sich spürbar verbessert und die Bank entwickle sich sehr positiv, so Bentlage. Aber fast noch wichtiger: Endlich gäbe es wieder Perspektiven und eine Vision. Denn, weiß Bentlage: „Geld allein ist kein Motivationsfaktor“. 
 
Vielen Dank an Herrn Michael Bentlage für seinen interessanten Vortrag, der zu intensiven Gesprächen beim gemeinsamen Abendessen geführt hat.